

Eintreffen am Explosionsort. Ungeschnittenes Material aus Enschede
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Bilder die das wahre Ausmass der Zerstörung zeigten. Ungeschnitten
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ERLEBNISSE UND KURZGESCHICHTEN AUS MEINEM REPORTERLEBEN WERDE ICH HIER IN ZWANGLOSER FOLGE NIEDERSCHREIBEN !!
ENSCHEDE
Die Übertragung der Bundesligaspiele hatte gerade begonnen, als ich den Anruf eines Informanten erhielt, dass die Borkener Feuerwehr zur Unterstützung in das niederländische Enschede gerufen wurde. Einen Großbrand größeren Ausmaßes sollte es dort geben. Nun ist Holland nicht gerade unser Einzugsgebiet der Berichterstattung und trotzdem reagierte ich schnell. Ich schickte sofort einen meiner Kollegen auf die Reise und startete selber auch durch. Während ich mich durch das Essener Stadtgebiet quälte, war mein Kollege bereits gerade auf die A 31 in Richtung Gronau aufgefahren. Sofort rief er mich an und berichtete, dass er schon von dort aus eine riesige schwarze Rauchsäule am Horizont sah. Mir war sofort klar, dass es sich um einen außergewöhnlichen Brand handeln müsse. Sofort telefonierte ich mit den Sendern. Doch das Interesse war nicht gegeben, da sich der Brand auf holländischem Gebiet befände und man erst einmal abwarten wolle. Ich benötigte etwa eine Stunde bis Enschede; vor Augen hatte ich über die gesamte Fahrtstrecke die außergewöhnlich schwarze Rauchsäule. Ich kannte mich in Enschede nicht aus und so fuhr ich einigen Krankenwagen hinterher und gelangte an eine kleine Tankstelle etwa zweihundert Meter vom Brandort entfernt. Instinktiv war ich richtig gefahren. Hier war die Verletztensammelstelle. Sofort griff ich die Kamera und eilte zu einer Menschentraube. Dort lag ein Verletzter am Boden, der mit Wasser gekühlt wurde. Sofort suchte ich den Weg zum Brandort. Das war nicht schwierig, da mir Menschen entgegenkamen, die in ihrer Mitte Verletzte abstützten, und die Rauchsäule am Himmel stand. Ich bog nach links in eine Seitenstraße ein. Ich traute meinen Augen nicht. Es brannten mehrere Häuser und Feuerwehrmänner löschten. Doch die eigentliche Rauchsäule stand ganz woanders. Vorsichtig lief ich die Straße entlang, vorbei an einer Brauerei. Die Kamera lief und hielt jedes zerstörte Detail fest. Was mir ganz besonders auffiel, waren zu diesem Zeitpunkt die Silvesterknaller, die in regelmäßigen Abständen in die Luft zischten und dort zerknallten. Einen Reim konnte ich mir darauf zunächst nicht machen. Über das Handy rief ich mehrere Fernsehsender an und berichtete von dem, was ich gesehen hatte. Mittlerweile hatten sie doch schon reagiert und Übertragungswagen in Richtung Enschede geschickt. Als ich das hörte, stoppte ich die Filmaufnahmen und rannte zurück zu meinem Fahrzeug. Mein Kollege befand sich vor dem Rathaus und sollte die ersten Bilder nach Münster bringen. Die Übertragungswagen waren noch nicht vor Ort und es schien mir sicherer, die laufenden Sendungen auf diese Weise schneller zu erreichen.
Mittlerweile waren bereits zig holländische Reporter auf dem Marktplatz versammelt und dort war man sich immer noch nicht darüber im Klaren, was eigentlich passiert war. Ein Pressesprecher der Stadt stand Rede und Antwort und erzählte nur „Wischiwaschi“, nichts Konkretes. Selbst er war vermutlich nicht richtig informiert. Ich dachte, das kann es nicht sein, dass man die Öffentlichkeit so im Unklaren ließ. Ich fuhr zurück zu der Tankstelle und lief erneut die Straße weiter ab und kam zu einer Kreuzung oder was davon übrig geblieben war. Ich schaute nach rechts und war geschockt. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Eine komplette Siedlung mit Einfamilienhäusern brannte, war zerstört und fast dem Erdboden gleich. Autos ausgebrannt am Straßenrand. In einer Reihe verschmortes Blech, so weit das Auge reichte. Sogar Polizeiautos standen völlig verkohlt in den Trümmern. Das Ausmaß war größer, als ich es zuvor schon gesehen hatte. Ich war total überwältigt und konzentrierte mich nur noch aufs Filmen. In weiter Entfernung sah ich Polizisten vor einer Leiche stehen. Sie deckten diese gerade mit einem Tuch zu. Ich hielt die Szene im Film fest und trat sofort den Rückweg an. Dieses Mal nahm ich die andere Straßenseite ins Visier. Ich war mitten in einer völlig zerstörten Siedlung. Über das Ausmaß der Zerstörung hätte sich bis zu diesem Zeitpunkt niemand eine Vorstellung machen können. Mit zitternden Knien und der Angst, von einem holländischen Polizisten bei den Dreharbeiten erwischt zu werden, entfernte ich mich im Laufschritt vom Brandort. Insgesamt hatte ich fast 15 Minuten Flammen und Zerstörung im Bild. Ohne aufgehalten zu werden, erreichte ich mein Auto und fuhr zurück zum Rathausplatz. Mittlerweile waren mehrere der Ü-Wagen von deutschen Sendern mit Reportern, die ich kannte, vor Ort. Sofort nahm ich Kontakt auf und zeigte mein Drehmaterial. Angesichts der Bilder rissen sich plötzlich alle um das Material. Auch die Reporter eines niederländischen Senders hatte ich informiert, war aber auf Ablehnung gestoßen, da sie ja eigene Kameramänner vor Ort hatten. Doch ich war hartnäckig. Ein Reporter guckte widerwillig in das Drehmaterial. Er wurde kreidebleich und kopierte den Film. Nur wenige Minuten später liefen meine Aufnahmen im holländischen Fernsehen. Angesichts des dort gezeigten Ausmaßes der zerstörten Häuser beschloss man, die Übertragung des Grand Prix de la Eurovision im holländischen Fernsehen abzusagen.
Etwa eine Woche später kontaktierte mich ein niederländischer Fernsehreporter. Er hatte erfahren, dass es meine Bilder waren, die das wahre Ausmaß der Explosionskatastrophe gezeigt hatten. In den letzten Tagen hatten sich die niederländischen Medien überschlagen zu erfahren, warum kein holländischer ortsansässiger Kameramann die Bilder schon früher gemacht hatte. Redakteure eines anderen Senders behaupteten, dass ich zufällig in Enschede war und deshalb diese Bilder hatte machen können. Keiner konnte verstehen, dass jemand erst aus dem Ruhrgebiet anreisen musste, um Stunden nach der Explosion das wahre Ausmaß zu dokumentieren, das eine Nation in tiefe Trauer gestürzt hatte. Live auf Sendung
Schalke hatte in Mailand den UEFA-CUP gewonnen und der Spielertross zog durch die Straßen Gelsenkirchens in Richtung Parkstadion. Dort war auf der Rasenfläche eine große Bühne aufgestellt worden. Hier sammelten sich Spieler, Trainer und Funktionäre in ausgelassener Stimmung. Unmittelbar vor dem Marathontor stand der Chefreporter eines Regionalsenders. Er sollte live die Stimmung im Stadion einfangen. Es waren nur noch wenige Minuten bis zur Sendung und kein offizieller Gesprächspartner war in der Nähe. Ich merkte, wie verzweifelt der Kollege sich einen Plan zurechtlegte, um die Übertragung einigermaßen lebhaft über den Äther zu bringen. Kurz entschlossen rannte ich quer über den Platz und erspähte Huup Stevens. Er stand neben der Bühne. Ich sprach ihn an und überrumpelte ihn förmlich, mir zu folgen, da gerade ein Reporter live auf dem Sender sei und dieser gerne den Trainer vor der Kamera hätte. Gesagt getan, Stevens folgte mir im Laufschritt und ich schob ihn quasi während der laufenden Reportage ins Bild neben den Reporter. Dieser reagierte blitzschnell und fragte spontan nach der Stimmungslage. Ein Trainer wie Huup Stevens wusste sofort, was er zu sagen hatte, und plauderte drauf los. Und schon war die Übertragung beendet. Mit großen staunenden Augen kam der Reporter zu mir. Klasse, Wolfgang, die Liveschalte war gelungen, aber wer war das, den du mir da zur Seite gestellt hattest. Der Reporter war natürlich kein Sportreporter und kannte dementsprechend auch nicht die Spieler und schon gar nicht den Trainer. Umso größer war seine Freude über die gelungene Schalte. Er hatte eine der wichtigsten Personen unverhofft live auf dem Sender gehabt. Absturz Remscheid
Der Tag war diesig und richtig „uselig“. Es regnete Bindfäden. Im wahrsten Sinne des Wortes ein typisches Sauwetter, ein Wetter, wie man es sich auch im Herbst nicht wünscht. Ich war gerade vergebens in Bottrop und wollte zurück nach Essen. Kurz vor der Auffahrt zur Autobahn A 42 klingelte mein Autotelefon. Eine aufgeregte Stimme hallte durch den Hörer. In Remscheid ist ein Flugzeug auf Häuser gestürzt, alles brennt. Ich weiß bis heute nicht, wer mich da informiert hatte. Es war ca. 13.45 Uhr. Eigentlich stand ich völlig ungünstig und doch war es ein glücklicher Umstand, dass ich noch nicht in Essen war, denn der Weg über die A 42, A 43 und dann die A 1 in Richtung Remscheid war zwar lang, aber gab die Hoffnung, doch sehr schnell am Unglücksort zu sein. Ich startete durch und quälte mich regelrecht durch den zäh fließenden Verkehr bei solch scheußlichen Wetterlagen. Natürlich wusste ich nicht, was mich am Absturzort erwartete, doch ich legte mir schon jetzt einen Plan zurecht. Eintreffen, erste Bilder machen und weg. Das ist die einzige Chance, bei solch einem Großereignis überhaupt Bilder ins Fernsehen zu bekommen. In meinem Kopf rechnete ich schon die Fahrtzeiten zu den Fernsehstudios in Düsseldorf aus und plante bereits die Fahrtroute dorthin. Ich brauchte fast 45 Minuten nach Remscheid. Unterhalb der Absturzstelle war bereits die Zufahrtstraße zum Einsatzort gesperrt. Ich hatte Glück, in dem dort herrschenden Verkehrschaos sofort eine Freifläche für mein Auto zu finden. Ich stellte das Auto vor einem Wohnhaus ab, schnappte die Kamera aus dem Kofferraum und rannte die ansteigende Straße zum Unglücksort hoch. Der typische Brand- und Kerosingeruch zog in meine Nase. Dazu weißer Rauch im diesigen nassen Nebel. Es waren nur noch wenige Schritte und dann erreichte ich die Stockter Straße. Ich bog nach rechts ab und war geschockt. Ein ganzer ansteigender Straßenzug, ein Trümmerfeld, dazwischen umherlaufende Feuerwehrmänner und geschockte Anwohner. Sofort drückte ich auf den Auslöser und ging die gesamte rechte Straßenseite nach oben hin ab. Ich filmte quasi eins zu eins. Das heißt, das Material muss bei der Ausstrahlung nicht mehr bearbeitet werden und kann ungeschnitten auf den Sender. Für erste Bilder, wenn es knapp wird, ein Muss. Oben angelangt, wiederholte ich den Filmvorgang abwärts, dieses Mal filmte ich die andere Straßenhälfte. Zwischen zwei Häusern sah ich dort einen Fallschirm im Baum hängen. Überall züngelten noch kleinere Flammen. Großartig Gedanken über das dortige Unglück machte ich mir nicht. In meinem Kopf war ich bereits auf der Anfahrt zur Autobahn. Es waren etwa fünf bis sechs Minuten, die ich mich in der Unglücksstraße aufgehalten hatte. Vor Ort war noch kein anderes Kamerateam. Erst als ich mein Auto erreichte, kamen mir gleich drei Teams entgegen. Wie immer, seelenruhiger Gang und das Stativ geschultert. Ich sprang in mein Auto und ab ging es durch die Serpentinen der B 229 runter nach Wuppertal und dann geradewegs über die A 46 nach Düsseldorf. Kurz vor vier Uhr erreichte ich den ersten Sender. Ich hatte genau 1.45 Minuten gedreht und erst beim Kopieren des Materials registrierte ich an Hand meiner Filmszenen so richtig, wo ich gewesen und was dort geschehen war. Das Kopieren dauerte nicht lange und so konnte ich noch schnell das Studio des anderen Senders erreichen. Meine Bilder waren tatsächlich die ersten Aufnahmen, die die Fernsehstudios erreicht hatten und wurden ungeschnitten bis zu letzten Szene gezeigt. Erst am nächsten Tag kehrte ich zur Einsatzstelle zurück. Ich war in die redaktionelle Nachberichterstattung des Absturzes als Team für einen der Sender mit eingebunden worden.
EIN GROSSER COUP DER POLIZEI " FIEL " BEWUSST UNTER DEN REDAKTIONSTISCH.
Es war brütend heiß an diesem Tag in Essen. Schon morgens hatte ich Bilder von sonnenbadenden Menschen im Essen Grugapark geschossen. Es gab nur noch einen festen Termin, den ich hätte wahrnehmen sollen. "AWO - Kaffeetrinken" im Essener Saalbau mit Bürgermeisterin Möller Dostali um 15 Uhr. Die Redaktion befand sich in der Innenstadt und so machte ich mich auf den Weg um das übliche Foto mit der Bürgermeisterin im Kreise älterer Menschen zu schießen. Über die Hachestrasse fuhr ich in meinem Auto auf den HBF zu und bog dort rechts zur Unterführung ab. Der gesamte Vorplatz des Hauptbahnhofs war eine riesige Baustelle. Alles war verbrettert und vernagelt und ein metertiefes Loch war ausgegraben. Der U - Bahnhof wurde dort gebaut. Über Holzsteege verliefen die Fußwege zur Kettwiger Straße und der Hauptpost. Plötzlich wurde ich stutzig. Ich sah mir bekannte Kriminalbeamte des Essener Polizeipräsidiums in merkwürdigen Positionen verteilt im Bahnhofsbereich stehen. Als Straßenkehrer, in Bahnuniform und und zwei als Liebespaar eng umschlungen an einer Ecke. Das machte mich neugierig und ich unterbrach meine Terminfahrt. Ich parkte mein Fahrzeug am Südausgang und schlenderte auf einen der Beamten zu. Ich sprach ihn an und bemühte mich dabei meine Lippen und den Mund nicht zu bewegen, denn ich ahnte, dass da etwas im " Busche " war. Und richtig. " Geh weiter Wiebold, du gefährdest unseren Einsatz ", kam es knapp aber nicht böse gemeint als Antwort zurück. Da wusste ich Bescheid, das wird eine heiße Nummer werden, wenn ich mich hier auf die Lauer legen würde. Sofort informierte ich die Redaktion über den sich anbahnenden großen Coup am HBF. Doch das interessiere niemanden, denn das Foto mit der Bürgermeisterin sollte ins Blatt und das wäre wichtiger. Ich ignorierte die Antwort und ließ den Termin trotzdem platzen, wohl wissend, dass ich " anschließend " Theater " bekommen würde. Die Zeit rann dahin. Es vergingen drei Stunden in denen ich meine Position verdeckt hinter einem Brückenpfeiler beibehielt. Meine Augen saugten sich geradezu an den verkleideten Kripobeamten fest. Plötzlich gegen 18 Uhr kam Bewegung in die Angelegenheit. Ein Besen wurde weggeworfen, das Liebespaar löste sich in Luft auf und alle rannten über die Holzsteege quer über das " U - Bahnbaustellenloch " quer rüber zur Hauptpost. Sofort rannte ich ohne zu zögern hinterher. Ich war direkt dran und wusste immer noch nicht was los war. Die Kamera hatte ich im Anschlag, für alle Fälle. Genau vor einem alteingesessenen Lampengeschäft auf der Hachestrasse, dort wo heute ein Freßtempel sich breit gemacht hat wurden plötzlich Waffen gezogen. Die Beamten stürzten sich von hinten auf zwei gut gekleidete Männer, von denen einer einen schwarzen Aktenkoffer trug. Dieser Mann war kahlköpfig und sehr groß gewachsen, er hatte ein osteuropäisches Aussehen. Der andere war drei Köpfe kleiner. Es ging alles sehr schnell und ich drückte unentwegt auf den Auslöser meiner Leica M 4. Es entstand ein Bild, dass den entsetzten Hünen mit groß aufgerissenen Augen zeigte, der eine Waffe an seiner Schläfe hatte und völlig überrascht wirkte. Der Kleinere verschwand ganz normal und war plötzlich weg. Keiner kümmerte sich um ihn. Die Handschellen klickten und der Koffer wurde geöffnet. Soviel weißen " Stoff " hatte ich noch nie auf einem Haufen gesehen. Es war mehr als ein Glücksfall so etwas mitzuerleben und auch noch im Bild festzuhalten. Es war einer der größten Rauschgifteinsätze der der Essener Polizei bis zu diesem Zeitpunkt. Mehrere Kilo Kokain in durchsichtigen Plastikbeuteln blitzten in der untergehenden Sonne aus dem schwarzen, geöffneten Koffer, der mittlerweile auf der Kühlerhaube eines Autos lag. Bilder, die den Termin mit der Bürgermeisterin um Längen geschlagen hätten, dachte ich. Es dauerte keine dreißig Minuten, da war der Film entwickelt und die Fotos lagen noch vor Redaktionsschluss auf dem Tisch der Redakteure. Eine Story, um die mich jeder beneidet hätte und Bilder, die mir jede Boulevardzeitung sofort mit Handkuss aus den Händen gerissen hätte. Eine Story, die eigentlich die erste Seite der Tageszeitung schlagartig sofort verändert hätte. Doch Pustekuchen. Beleidigt wandte sich der zuständige Redakteur ab und grollte über das nicht vorhandene Bild vom Kaffeetrinken aus dem Saalbau. Die Gedanken die mir in diesem Moment durch meinen Kopf schossen, schreibe ich lieber nicht. Ich verließ die Redaktion und hatte noch die Hoffnung am nächsten Morgen die Bilder doch noch gedruckt zu sehen. Fehlanzeige. Druckfrisch lag mir die Zeitung gegen 5 Uhr vor. Kein Bild, keine Meldung. Nichts. Das Bild von der Bürgermeisterin lachte mir auf der ersten Seite entgegen. Geschossen von einem freien Mitarbeiter und als wichtiger befunden, als der größte Rauschgiftdeal der Nachkriegszeit in Essen. Um 15 Uhr an diesem Tag war eine Pressekonferenz im Polizeipräsidium anberaumt. In den Räumlichkeiten des Präsidiums waren stapelweise die Plastikbeutel mit dem brisanten Inhalt präsentiert worden. Ich hatte diesen Termin nicht bekommen und durfte mir die langweiligen Bilder am nächsten Morgen im Blatt ansehen. Von der spektakulären Festnahme und der gesamten Bahnhofsaktion war kein Bild zu sehen. Im Konkurrenzblatt war die gesamte erste Seite gepflastert mit Bildern und Texten zu diesem Fall. Groß und ausführlich aber auch nur die Bilder aus der Pressekonferenz. Alles schön und gut. Meine Negative und die Bilder waren weg. Verschwunden auf Nimmerwiedersehen. Irgendwo im Essener Polizeipräsidium soll eines der Bilder später noch an einer Wand gehangen haben und auch heute noch hängen. Die Festnahme, mit der Waffe am Kopf des Täters mit aufgerissenen Augen. Ich habe meine Negative und Bilder nie wieder gesehen. Übrigens, der flüchtige kleinere Mann war ein V - Mann der Essener Kriminalpolizei.
Mittendrin, von einer Sekunde auf die Andere
Lange hatte ich schlafen können, nicht einmal das Telefon hatte in der Nacht geklingelt, es war ein Morgen an dem die Sonne schien und der Himmel hellblau über Essen erstrahlte. Gut gelaunt sprintete ich durch das Treppenhaus hinunter auf die Rüttenscheider Straße zu meinem Fahrzeug, die Gewissheit ein Knöllchen dran zu haben. Das war normal, denn es gab Tage da war ich garnicht mit dem Auto in Essen und bekam trotzdem die Verwarnung im Nachhinein. So ist`s halt, wenn Du immer den selben Parkplatz nimmst. Meine Wut über die Politessen hatte ich schon lange in mich hineingefressen und mit diesem " Terror " gelebt. Ich startete den Motor und quälte mich hinter einer Straßenbahn her, durch die enge Strasse in Richtung Stadtmitte. Nach etwa 200 Metern sah ich in der geöffneten Eingangstür der Nationalbank eine Frau stehen. Sie wirkte sehr nervös und aufgelöst. Blitzschnell schoss es mir durch den Kopf." Da stimmt was nicht. " Ich bremste mein Fahrzeug ab und liess es mit Warnblinker in der zweiten Reihe stehen. Ein Griff zu meiner Kamera und raus, rein in die Bank. Dabei drückte ich bereits in der Eingangstür auf den Auslöser und hielt die Angestellten, die wie versteinert hinter dem Tresen standen, als Foto fest. Es war nur wenige Sekunden her, dass hier ein Überfall stattgefunden hatte. Ein Überfall unter Vorhalt schwerster Waffen. Aussergewöhnlich für Essen, aber in die Zeit passend. " Waren es Mitglieder der Baader - Meinhof Bande ? " "Haben diese zum ersteinmal auch Essen heimgesucht ? " Als ich den Kassenbereich erreichte, brach es plötzlich aus allen Mündern der anwesenden Personen heraus. Der Hergang des Überfalls und die Anzahl der Täter prasselten als Wortfetzen wild durcheinander auf mich ein. Aus allen Richtungen. Die Polizei war noch nicht eingetroffen und ein telefonischer Kontakt aus der Bank in die Polizeileitstelle bestand noch nicht. Instinktiv riss ich einen Telefonhörer hoch und wählte die 110. Dort wusste man über den Melderalarm bereits bescheid, aber die Anzahl der Täter, die Überfallweise und der Fluchtweg waren noch ungewiss. Aus den gehörten Beschreibungen der Bankangestellten gab ich alle mir bekannten Informationen sofort weiter und beschrieb den Fluchtweg. Rechts aus der Bank raus und dann sofort in die Dorothenstrasse. Dorthin waren die Täter geflüchtet. Dann verliess ich die Bank, der erste Streifenwagen war gerade vorgefahren. Die Polizeifahrzeuge hatten sich zunächst alle auf die Fährte der Täter gemacht. Auch ich wollte in dieser Sache nicht untätig sein und versuchte den angeblichen Fluchtweg zu verfolgen. Dabei fielen mir die vielen Aschentonnen auf, die vor den Häusern standen. Mich packte das Suchfieber. Ich weiss nicht mehr wieviele Aschentonnen ich geöffnet und einen Blick hineingeworfen hatte. " Hatten die Täter ihre Masken dort vielleicht entsorgt? " Fehlergebniss. Am Ende der Strasse, Ecke Paulinenstrasse schloss ich gerade die letzte durchsuchte Tonne, als ich gegenüber der Kirche mehrere Polizeifahrzeuge entdeckte. Zeugen hatten die Beamten gerufen. Die Täter sollen dort beim Fahrzeugwechsel beobachtet worden sein. Irgendwie lag ich also nicht falsch mit meiner Vermutung über den Fluchtweg. Schnurstracks ging ich zum nächsten Polizeibeamten und informierte ihn, über meine Aschentonnenaktion vom Tatort bis zu dieser Stelle. " In den Aschentonnen braucht ihr nicht mehr zu suchen, "sagte ich, " da liegt nichts drin. " Er guckte mich mit grossen Augen an und wirkte irritiert und ratlos. Er war nicht erfreut über diese Information, er schien mir sehr verärgert. Hatte ich was falsch gemacht ? Eine Stunde später waren zig Polizisten dabei dieselben Tonnen nocheinmal zu durchsuchen. Wie sich später herausstellte hatten die Täter tatsächlich diesen Fluchtweg eingeschlagen. Zunächst mit drei Fahrrädern und dann zu Fuss. Die Beute betrug seinerzeit mehrere 100 000 DM. Das Foto der Angestellten erschien am nächsten Tag in der Zeitung und gehörte zu der Schlagzeile des Tages in Essen.
Die Ereignisse der letzten Jahre und Tage haben mir Angst gemacht und viel Vertrauen genommen.
ALLEINE GELASSEN
Sie lag zerschmettert auf der Strasse. Eine Blutlache rann unter der weissen Decke hervor und floss über die Bordsteinkante. Flatterband sperrte den Tatort ab. Eine Frau war aus der Dachwohnung eines Mehrfamilienhauses in einer Grossstadt des Ruhrgebiets gestürzt. Blaulichter flackerten in den Nachthimmel und spiegelten sich in der Farbe des Blutes. Es war kurz nach Mitternacht. Ein Fall der nie in die Öffentlichkeit kam, der einen Journalisten aber zum Rapport in das Präsidium zum Polizeipräsidenten führte. Lang ist es her, als die verzweifelte Frau im Nachthemd und barfuss zur nahen Polizeiwache gelaufen war um Hilfe zu erhalten. Ihr Mann hatte sie verprügelt und ihr mit dem Tode gedroht. Alles schien seinen geordneten Weg zu gehen, doch nach der Anzeige wurde die halbnackte Frau im Streifenwagen zurück in ihre Wohnung gefahren. Die von den Beamten aufgenommene Anzeige gegen ihren Ehemann schlummerte in der Ablage und wartete auf den Weitertransport zum zuständigen Kommissariat. Da lag sie sicher. Die Frau war alleine gelassen worden und lag nur eine Stunde später tot vor dem Haus. Als Pressefotograf hatte ich ein Bild von der zugedeckten Leiche gemacht. Von dort, wo die Schaulustigen hinter der Absperrung standen. Ein Bild, das nie veröffentlicht wurde, ein Bild das nur der zuständige Redakteur meiner damaligen Redaktion erhalten hatte. Ein Bild, das ohne weiteres gedruckt hätte werden können und wie es auch damals bei Mordfällen gedruckt wurde, eine zugedeckte Leiche. Dieses Bild erschien nie. Erst als ich bei dem Polizeipräsidenten sass tauche es wieder auf. Er holte es aus einer schwarzen Aktenmappe hervor und schüchterte mich ein. Ich war noch jung und nicht so erfahren wie heute. Doch dieser Anlass hatte mir schon damals die Augen geöffnet und mich zum Nachdenken gebracht.. Eine Erfahrung, die ich bis heute in mir trage. So etwas vergisst du nie. Wie kam das Bild in die Hände des Polizeipräsidenten. Warum kam das Bild dort hin. Die Tatsache, dass ein Bild existierte, von einer zugedeckten Leiche vor dem Haus, veranlasste den zuständigen Redakteur bei der Polizei anzurufen. Ein ganz normaler Vorgang um zu erfahren, was denn dort passiert sei. Dieser erhielt seinerzeit die Auskunft, dass die Frau in selbstmörderischer Absicht aus dem Dachfenster gesprungen sei. Damit war die Sache auch für mich erledigt. Auch heute gilt noch, dass über Selbstmorde nicht berichtet wird. Aber warum wurde ich zum Polizeipräsidenten bestellt, warum wurde das Bild überhaupt aus der Redaktion zum Polizeipräsidenten lanciert und bekam intern eine solche Bedeutung. Ein Fall, der nie in einem Pressebericht, mit der Wahrheit und dem Hintergrund, den ich als junger Journalist wusste, bekannt geworden ist. Ein Fall der der Öffentlichkeit nie bekannt wurde. Ich weiss bis heute nicht, ob die Frau gestossen wurde oder aus freien Stücken gesprungen ist. Tatsache aber ist: Diese Frau ist in ihrer Angst und Verzweiflung alleine gelassen worden.
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