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Roger Leufgen

Großwildjagd in der City

Tierische Einsätze, im wahrsten Sinne des Wortes, habe ich schon einige erlebt. Nicht unerwähnt bleiben soll daher auch das eher in Wüstenregionen beheimatete Kamel, das den Zirkusalltag offensichtlich satt hatte und einen Ausflug durch unsere Polizeiinpektion unternahm. Das Tier hatte wohl nicht damit gerechnet, dass es damit größte polizeiliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen und einige Kollegen zu Kameltreibern degradieren würde.

Wie bereits angedeutet. Das ausgewachsene Kamel, hörte normalerweise auf den Namen "Pascha" oder besser gesagt, sollte hören. Es gehörte einem jener Kleinzirkusse, die sich finanziell gesehen kaum über Wasser halten können und in verschiedenen Städten leider nur mäßig besuchte Vorstellungen geben.

Der Direktor war froh, dass die Stadtverwaltung ihm einen Platz zugewiesen hatte, auf dem eine wilde Wiese spross, so dass wenigstens einige seiner Pflanzenfresser kostenlos versorgt werden konnten. So auch Pascha, der mit einem zehn Meter langen Seil auf der Wiese angepflockt wurde. Hier genoss Pascha, faul in der Sonne liegend, seine auftrittsfreie Zeit.

Leider sollte es mit der Ruhe nicht lange dauern. Einige Bälger hatten nichts Besseres zu tun, als Pascha zu necken. Es konnte ja nicht viel passieren so lange man entsprechend der Seillänge einen sicheren Abstand hielt. Um Pascha zum Aufstehen zu bewegen, zogen sie an dem Seil, was Pascha zunächst mit dem für Kamele typischen unwilligen Röhren quittierte. Schließlich stand er genervt auf und es begann ein Tauziehen zwischen Mensch und Tier. Verlierer war nicht nur der Mensch, auch der Pflock, der knirschend aus dem Boden gezogen wurde. Jetzt verließ die Bälger der Mut und sie bekamen es mit der Angst zu tun. Sie ließen das Seil fallen und suchten das Weite. Das Seil samt Pflock hinter sich her ziehend trottete Pascha hinter den Unruhestifter her.

Für Pascha war die unerwartete Freiheit eine willkommene Gelegenheit für eine Stadtbesichtigung. Es dauerte nicht lange und dieser Vorgang wurde von besorgten Bürgern der Polizei zugetragen. Mittlerweile regelte Pascha souverän den Verkehr auf einer größeren Kreuzung, indem er ihn völlig zum Erliegen brachte. Wir setzten mehrere Streifenwagen ein, die Pascha auf der Kreuzung in gebührendem Abstand einkreisten. Da der Bürger erwartet, dass Polizisten mutig sind, stiegen wir aus und ergriffen das Seil. Pascha beobachtete misstrauisch unser Treiben. Unsere beruhigenden Worte verfehlten nicht ihre Wirkung. Pascha trottete auf leichten Zug am Seil hinter uns her. Bis zum Zirkus waren es nur ein paar hundert Meter. Wir hatten schon eine schöne Strecke hinter uns und waren sicher, den Rest des Weges auch noch zu schaffen, wäre da nicht so ein Hund gewesen, dessen Rasse man gemeinhin als Wadenbeißer bezeichnet. Dieser Wadenbeißer wähnte sich wohl unter Polizeischutz und machte seiner Bezeichnung alle Ehre, indem er laut kläffend um Pascha herumwieselte. Damit gab Pascha seine Kooperationsbereitschaft auf und leistete plötzlich heftigsten Widerstand gegen die Staatsgewalt. Es sah urkomisch aus, wie Pascha vier, teilweise stolpernd, teilweise auf den Schuhsohlen rutschenden Polizisten, scheinbar mühelos hinter sich herzog.

Ob der Übermacht von einer „KS“ (Kamelstärke) gaben wir schließlich auf und Pascha galoppierte durch den Stadtverkehr davon. Dadurch kam es zu teilweise brenzligen Situationen mit Beinaheverkehrsunfällen. Als letzte Rettung brachten wir seinen Dompteur an den Ort des Geschehens. Aber mit seinem Herrchen  wollte Pascha auch nicht reden.

Nun war guter Rat teuer. Da Überredung nicht half, mussten härtere Bandagen ran. Wir führten zwar für den absoluten Notfall, z.B. wenn Tiere durchdrehen und Personen gefährden würden, eine Maschinenpistole mit, doch das wäre wirklich das letzte Mittel gewesen. Schließlich war Pascha an seinem Schicksal gänzlich unschuldig. Ein Narkosegewehr schien die einzige Lösung. Der Zirkus hatte aber keines. Also, Anruf im Zoo. Der Tierarzt dort sagte seine Hilfe zu. Im Streifenwagen mit Blaulicht und Martinshorn wurde er abgeholt. Derweil hielten andere Streifenwagen den Verkehr an, damit Pascha ungestört durch die Einkaufstraße bummeln gehen konnte. Eigentlich machte er einen recht coolen Eindruck.

Dann lud der Tierarzt sein Gewehr. Über Lautsprecher wurden Spaziergänger gewarnt und zum Abstandhalten aufgefordert. Man weiß ja nie, wie das Tier reagiert, wenn`s plötzlich knallt und dann piekt. Als das Geschoß das Hinterteil traf, zuckte Pascha kurz mit dem Hinterlauf und setzte seinen Weg gemütlich fort, als sei nichts geschehen. Die Wirkung sollte nach fünf bis zehn Minuten einsetzen, tat sie aber nicht. Ein Kollege meinte, Pascha sei leichtfüßiger geworden und grinse nun ständig. So`n Quatsch! Nun bekam er Nachschlag, diesmal mit der erwünschten Wirkung. Pascha wurde immer müder und konnte sich schließlich nicht mehr auf den Beinen halten. Zum Glück setzte er sich auf den Boden und fiel nicht einfach um. Dann schlief er ein. Der Abtransport war Sache der Männer vom Zirkus, die dabei mächtig ins Schwitzen kamen, als sie Pascha auf den Tieflader zogen.

***


Mord im Treppenhaus

Jetzt war einer jener Augenblicke gekommen, in dem niemand den Vorwurf erheben könnte, im entscheidenden Moment die Nerven verloren zu haben. Es sei denn, der Mensch mit den schwachen Nerven ist Polizeibeamter. Von Polizeibeamten wird immer trainierte und abgehärtete Nervenstärke erwartet. Ich muss mich jetzt und hier sofort entscheiden, entweder die Tatverdächtigen festzunehmen (reicht der Tatverdacht aus?) oder dem Verletzten (wie gefährlich sind seine Verletzungen?) Erste Hilfe zu leisten. Nicht zuletzt muss ich mich selbst vor eventuellen Angriffen zu schützen. Zeit zum langen Nachdenken und Abwägen bleibt mir in der Regel nicht.

Die ersten Nachtdienststunden waren zwar verregnet, aber vielleicht waren wir gerade deswegen von Einsätzen verschont geblieben und konnten mit dem Streifenwagen in normaler Weise polizeilich verwaisten Bereichen fahren. Die Einsatzlage war eigentlich zu ruhig, geradezu verdächtig ruhig, so dass mir ein Werbeslogan aus der Werbung für den Beruf des Polizeibeamten einfiel, dem man ausnahmsweise vorbehaltlos Glauben schenken darf: Im Beruf des Polizeibeamten ist kein Tag ist wie der andere.

Selbst der routinemäßige Auftrag zu einer Schlägerei zu fahren, kann ungeahnte dramatische Formen  annehmen, die auch einen erfahrenen Schutzmann an den Rand der nervlichen  Belastbarkeit bringen. Über Funk waren wir zu einer Schlägerei unter Jugendlichen auf der Straße gerufen worden. Bei unserem Eintreffen prügelte sich niemand mehr. Auf die Fragen was denn los sei, eröffnete man uns, dass die Jugendlichen sich gar nicht geschlagen hätten. Vielmehr waren sie es gewesen, die die Polizei riefen, weil im Treppenhaus nebenan "irgendwas los war!"

Während ich durch die offenstehende Haustüre das verwahrloste, dunkle Treppenhaus betrat, verblieb mein Kollege bei den Jugendlichen, um noch einige Fakten zu erfragen. Mit Hilfe der Taschenlampe fand ich den Lichtschalter. So verschmiert wie der war, drückte ich den Reflektor dagegen, um mir nicht die Finger schmutzig zu machen. Original Flodderabsteige. Das Relais im Sicherungskasten knackte, gleichzeitig war von weiter oben ein Stöhnen zu hören. Was in einem blutrünstigen Actionfilm zu zweifelhafter Unterhaltung beiträgt, war hier zu gnadenloser Realität geworden.

Auf dem ersten Treppenabsatz lag ein schwergewichtiger Mann auf dem Rücken, seine Beine über die nächsten Stufen nach oben ausgestreckt, das Unterhemd im Brustbereich blutgetränkt. Treppensturz mit schwerer Kopfverletzung? Es war offenbar bewusstlos, röchelte, die Bauchdecke zitterte unnatürlich. Ich hob sein Hemd ein wenig an und sah zwei breite Einstiche, aus denen blutiger Schaum quoll. Lungenverletzung! "Dringend NAW (Notarztwagen) und Erstehilfekasten, hier ist einer angestochen worden!" rief, nein schrie ich aus dem Treppenhausfenster dem Kollegen bei den Jugendlichen zu. Der reagierte prompt. Ich wendete mich  wieder dem Verletzten zu und entdeckte jetzt ein blutiges Messer neben ihm. Nicht genug der Dramatik, von oben kamen zwei offensichtlich Betrunkene heruntergewankt, einer mit reichlich Blutspritzern an Händen und Kleidung. Der Täter? Offensichtlich wollten beide das Haus verlassen. Unter den gegebenen Umständen waren die Beiden natürlich die Hauptverdächtigen und so konnte ich dies nicht zulassen. "Gehen sie wieder nach oben!" forderte ich. Doch daran schienen die Typen überhaupt nicht zu denken. Sie kamen näher.

Jetzt wurde es mir doch ein wenig mulmig. Wenn einer bereits einen anderen niedergestochen hatte, was sprach dagegen, gleich bei mir weiter zu machen? Außerdem habe ich `ne Allergie gegen von außen eingeführten Stahl zwischen meinen Rippen. Also zog ich meine Schußwaffe, richtete sie auf die Beiden und ging ihnen entgegen. "Hände hoch und keine falsche Bewegung!" In der linken Hand hielt ich die Handschellen und reichte sie dem Blutverschmierten: "Mach' sie an deinem Handgelenk fest, dann durchs Treppengeländer und an das Gelenk von deinem Kumpel!" Dabei versuchte ich ein äußerst grimmig-gefährlichen Gesichtsausdruck aufzusetzen. In Anbetracht meiner Pistole klang ihr "Warum denn?" schon recht eingeschüchtert. Ein letztes "Wird's bald?!", dann verhinderte des Geländer die weitere Flucht.

Zwischenzeitlich war mein Kollege zu mir hoch gekommen, kniete neben dem Opfer, und öffnete den Erstehilfekasten. Unter dem Hemd entdeckten wir seitlich drei weitere Einstiche, die die Lunge aber wohl nicht verletzt hatten. Dafür drang unablässig Blutschaum aus den anderen Einstichwunden. Das Entweichen noch mehr Blut und Atemluft verhinderten wir mit einfachen Leukoplaststreifen. Der Geruch von Blut und Kot verursachte bei mir ein leichtes Würgen. Dann, verdammt, setzten die Atmung und der Herzschlag aus. Wir führten einen Intubator für die Atemspende ein und begannen auf der Stelle mit der Reanimation, und mit einem Wettlauf gegen die Zeit. Nach ein paar Minuten war wieder schwacher Puls zu fühlen, nur die Atmung funktionierte nicht von selbst.

Dann endlich ein lautes "Hallo?!" von unten ließ auf den Notarzt mit seinen Helfern schließen. Sie übernahmen mit professionellem Gerät die weitere Reanimation. Plötzlich zeigte der Bildschirm des tragbaren EKG eine durchgehende Linie, die Schlimmes erwarten ließ. Wieder Herzmassage..., ohne Erfolg. Kreislaufunterstützende Mittel wurden gespritzt. "Scheiße“, sagte einer, "der kommt nicht bei!" "Defi" ordnete der Arzt an. Ein Helfer öffnete einen kleinen Metallkoffer, entnahm zwei Griffstücke, die mit ihren chromfarbenen Platten an kleine Bügeleisen erinnerten, und drückte sie dem Sterbenden auf die Brust. "Achtung!"  Dann ein Knacken im Koffer, das Opfer bäumte sich krampfartig auf. EKG negativ. "Noch mal!" Jetzt leichte Zacken auf dem Monitor des EKG, der Puls war wieder da. Ein paar Minuten später wurde der Mann abtransportiert. Dass alle Mühen vergeblich waren, erfuhren wir eine halbe Stunde später.

In die Wohnung des Opfers fanden wir ein regelrechtes Schlachtfeld vor. Mobiliar war zerschlagen oder umgeworfen, überall klebte Blut. Wir konnten kaum einen Fuß vor den anderen setzen, ohne in  Blutspritzer zu treten. Zwischenzeitlich hatten unsere Kollegen die beiden Typen vom Treppengeländer befreit und zur Wache gebracht. Sie wurden bis zur richterlichen Vorführung wegen des Verdachts eines Tötungsdeliktes vorläufig festgenommen. Den Tatort übergaben wir zwecks Spurensuche den Kollegen der Kriminalpolizei.

Monate später erfuhren wir dann in der Gerichtsverhandlung, dass es sich um einen Streit unter Homosexuellen gehandelt hatte. Der Getötete hatte mit einem der Männer am Treppengeländer "Schluss gemacht", dafür musste der sterben. Der Angeklagte  wurde  wegen  "Gefährlicher  Körperverletzung mit Todesfolge"  zu  zehn Monaten  Freiheitsstrafe  auf  Bewährung verurteilt. Tötungsabsicht konnte ihm nicht nachgewiesen werden und seine Trunkenheit zur Tatzeit wurde schuldmindernd berücksichtigt.

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